• Frauke

August 2019

Vorwort

Ich muss das hier tun. Ich muss schreiben. Wenn nichts hilft, hilft schreiben. Und wenn es mir nicht hilft, dann hilft es vielleicht dir.


Ich habe jetzt ein Jahr ohne G verbracht. Ein ganzes Jahr nachdem er 15 Jahre da war. Als Kollege, Freund, Partner und Liebhaber. Es war nicht leicht, moralisch sicher nicht immer korrekt und hat Menschen weh getan, dass wir zusammen waren. Aber es war unumgänglich. Es gibt ein chinesisches Sprichwort, dass sagt:

„Ein unsichtbares Band verbindet diejenigen, die sich treffen sollen. Unabhängig von der Zeit, dem Ort oder den Umständen, das Band dehnt sich vielleicht oder verheddert sich, aber es wird nie zerreissen.“

Und so ist es. Er ist hier bei mir in meinem Herzen und fehlt gleichzitig unsagbar in meinem Leben.


August 2019

Ich bringe die Energie aus meinem Strala Yoga Teacher Training mit nach Hause. G hört mir zu, aber es ist nicht seine Welt. Wir genießen Rotwein und Abendessen miteinander. Es ist viel mehr Zeit für Zweisamkeit seitdem S mit den Kindern ausgezogen ist. Wenn T bei seinem Vater ist, sind wir zusammen. Montag abends und jedes zweite Wochenende. Ich geniesse das sehr, die Abendessen, das gemeinsame Fernseh gucken. Aber es ist auch eine Umstellung. Ich habe weniger Zeit für mich. Für meine Interessen, meine Ideen, meine Art mich zu ernähren. Von dem ganzen Rotwein und Fleisch wieder ‚runterzukommen‘ ist eine tagesausfüllende Aufgabe. Aber ich weiß sogar in diesen Momenten, dass es wichtiger ist den Moment zu genießen. Die gemeinsame Zeit. Wir hatten so lange so wenig davon und ich weiß bereits, dass nichts für immer ist.


Ich arbeite als Assistentin für T. Ich stelle mir gerne vor, T hat mich eingestellt, weil ich gut bin in dem was ich tue. Ich habe BWL und Logistik studiert, ich bin gelernte Schifffahrtskauffrau und ich kann organisieren und mitdenken. Aber wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich, dass ich den Job nur habe weil T und G das eingefädelt haben. Darüber spricht natürlich niemand. Allen gefällt der Gedanke besser, dass es professionell ablief.

Ich arbeite gerne für T. Wir planen alles im Voraus und mein Feierabend ist nie gefährdet. Bis auf diesen Tag im August. Wir sind dabei wichtige Geschäftskunden einzuladen und mehrere Präsentationen vorzubereiten. Die Chancen für einen Abschluss stehen schlecht, aber es ist zu wichtig, um nicht 100% zu geben. Und das tue ich. Bis T mich fragt, ob ich Sonntag ins Büro kommen kann um die Präsentation fertig zu machen. Ich lehne ab. ‚Sonntag bin ich zuhause bei meinem Sohn.‘ sage ich, bemüht um einen ruhigen Ton. ‚Oh, ich bin auch lieber bei meinen Kindern! Aber das muss fertig werden.‘ Er macht deutlich wieviel er für die Firma zu geben bereit ist. Was nachmittags um 15h nicht mehr relevant ist, wenn er Feierabend macht, damit ihm seine Gattin nicht aufs Dach steigt. Entsprechend ist mir klar, er wird meinen Alternativvorschlag nicht annehmen: „Ich kann gerne heute nachmittag (Freitag) länger bleiben und wir machen das fertig.“ Nee das geht natürlich nicht. Zufrieden mit mir selbst, weil Vorschlag gemacht und dennoch meine Grenzen gewahrt, gehe ich wieder an meinen Schreibtisch. Es nagt dennoch an mir, seine Unfähigkeit sich in andere hineinzuversetzen. Aber dann erinnere ich mich wieder an seine Worte mittags beim Italiener „Das Wichtigste bin ich, Frauke. Danach kommen die Kinder und dann meine Frau. Aber am Wichtigsten bin ich.“ Dieser Satz hat mich durch das ganze Jahr und viele Situationen davor begleitet und er ist wichtig, denn er erklärt T und sein Verhalten besser als ich es je könnte.


Der August 2019 ist heiß. Tatsächlich in Bremen noch mehr als anderswo in Deutschland. Ich schwitze in meiner Maisonette Wohnung ohne Jalousien oder Markise und versuche so viel wie möglich in meinem Garten zu sein. An einem unerträglich heißen Tag überrede ich G mit mir an einen Badesee zu fahren.

Er hasst jegliche Gewässer, die nicht die Adria sind. G ist Kroate.

Ich weiß nicht, was ihn an diesem Tag mehr angepisst hat: Dass wir nicht bei mir rumhängen (viel zu heiss!), der deutsche Badessee (nicht sein Meer!) oder das ich ihn abhole und wir mit meinem Auto fahren (geht irgendwie nicht als Mann!). Ich habe also einen sehr schlecht gelaunten Kroaten neben mir in meinem dreckigen, 19 Jahre alten Polo, bei dem die Fenster nur teilweise noch runter gehen. Wir finden den Weg auch nur so halb, weil ich mich weigere mir von einem Navi sagen zu lassen wo es lang geht. Die parkenden Autos an der Landstrasse machen deutlich, wir sind da. Man muss Eintritt zahlen, die Laune wird nicht besser. Das Wasser ist nicht blau wie mir gesagt wurde, sondern braun. Und jetzt passiert etwas, was ich mir bis heute nicht erklären kann: Mit jedem Moment fällt meine Laune und G’s steigt! Wir finden einen Platz neben dem FFK Strand und finden das man ich manches davon durchaus anschauen kann. Wir schwimmen raus auf den See. Ich war noch nie mit G schwimmen und genieße es neben ihm zu sein, draußen mit wenig an. Es ist allerdings nicht ganz so sexy wie ich es mir vorgestellt habe. Er hat wohl gerade keine Lust, sonst wären seine Finger irgendwo an mir. Oder er ist einfach der Familienvater, der er ist und die Kinder um uns rum sind gerade nicht 'angemessen'. Wer weiß das schon. Ich frage selten nach. Ich bin verwöhnt. Ich habe immer seine volle Aufmerksamkeit. Oder wie S einmal zu ihm sagte 'Du trägst Frauke auf Händen.'. Mir ist das bewußt und ich genieße es jeden Moment. G bekommt meine Aufmerksamkeit und Liebe aber im gleichen Maße zurück. Manchmal bin ich mir nicht sicher wer wen mehr liebt. Ich denke oft, es ist unglaublich, aber es scheint ausgeglichen. Es gab allerdings seltene Momente wo deutlich wurde, dass G mich mehr braucht als ich dachte. Sein Satz als ich mich trennen wollte 'Ich darf dich nicht verlieren.' hängt mir unglaublich nach. Er hat nicht gekämpft, er hat meine Entscheidung akzeptiert, aber es hat sein Herz getroffen. Ich war überlebensnotwenig mit meiner Liebe. Es hat sich bewahrheitet am Ende. Aber nun schwimmen wir und treffen M. M hat einen Shop in der Nähe von mir und ist mit G zusammen zur Schule gegangen. Man kennt sich. Eigentlich kennt M mich auch aus seinem Shop und weil wir uns zu dritt schon mal in einer Bar getroffen haben. Aber er erinnert sich nicht an mich oder will sich nicht erinnern. Es wird nie final geklärt und ärgert mich ein wenig. M ist ziemlich heiss. Ich erinnere mich nicht mehr wie wir nach Hause gefahren sind oder ob wir den Abend noch zusammen verbracht haben. Ganz sicher ist jedenfalls, wir haben nicht beieinander übernachtet. Da war unsere Grenze. Ich liebe es allein zu schlafen und G hat es nie eingefordert. Er wollte nicht in seinem Haus sein, aber er wollte da sein falls die Kinder spontan vorbei kommen. Damals wußten wir noch nicht in welche Schwierigkeiten uns diese Situation bringen würde. Und auch nicht, dass wir sie hier hätten lösen können. Aber man denkt immer, man hat Zeit. Zeit den Kindern erst später zu sagen, dass wir ein Paar sind, damit sie nicht sauer auf mich werden und mir die Schuld geben. Damit sie vielleicht auch G nicht die Schuld geben an der Trennung. Vielleicht hatte er auch einfach zu viel Angst. Ich kann nur spekulieren, denn bis auf den ersten Grund hat er mir nie weitere genannt. Es war der letzte relativ schwerelose Monat in unserem Leben. Ich war mit der Veränderung beschäftigt und hätte gerne mehr Zeit für mich gehabt. Im Nachhinein eine unglaubliche Vorstellung. Aber man lebt immer nur mit dem was einem jetzt gerade gegeben ist. Und das ist auch richtig so, denn hätte ich gewußt was auf mich zukommt, hätte ich den August 2019 in einer Schockstarre verbracht und nicht damit Erinnerungen am Badesee zu schaffen.


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